Wissenswertes über Keith Haring — oder die kultigsten Strichfiguren der Welt!?

Keith Haring war ein US-amerikanischer Pop-Art-Künstler. Er fing mit seiner Arbeit den Zeitgeist der 1980er Jahre ein und widmete sich verschiedenen gesellschaftlichen Problemen, die bis heute aktuell sind.

Am 4. Mai 1958 geboren, wuchs Haring in Kutzdown, Pennsylvania auf, wo er durch seinen Vater bereits Interesse an der Kunst gewann. Mit 20 Jahren zog er nach New York, schrieb sich dort an der School of Visual Arts ein und lernte das New York der 80er und Künstler wie Kenny Scharf und Jean-Michel Basquiat kennen.

Offene Gemeinschaften aus jungen Künstlern, die in den billigen Vierteln lebten, standen im Kontrast zur Wall Street und zur aufblühenden Wirtschaft. Es war eine Stadtkultur aus Kunst, in der die Schwulenszene auf Heteros, Downtown auf Uptown, Schwarze auf Weiße stießen. Jane Dickson, eine amerikanische Malerin, die Haring wohl über die Times Square Show kennenlernte, nannte es in einem Interview eine „explosion of creativity“.

Haring lernte die Graffiti-Szene kennen, die ihm sehr gefiel. Auch aus Respekt vor der überwiegend schwarzen und lateinamerikanischen Szene, in die er sich nicht hineindrängen, der er nichts nehmen wollte, suchte er seinen eigenen Weg um daran teilzuhaben. Auf den schwarzen Makulaturpapieren, die an den Haltestellen der Untergrundbahn als Platzhalter für leere Werbetafeln fungierten, begann er mit seinen Subway Drawings. Mit weißer Kreide zeichnete er Symbole, Bilder, in seiner eigenen visuellen Sprache.

Vor allem waren es Strichfiguren, verschiedene Männchen. Mancher spricht hier von einer Rückkehr zu den Wurzeln der Sprache. Graffiti, die Kalligraphie, die Semiotik als einfache Formsprache. Seine Bilder handeln, schon jetzt, von Dominanz und Unterwerfung, die Strichmännchen erzählen von Geld, Macht, Unterdrückung der Schwachen. Sein Publikum waren die gewöhnlichen Menschen, die täglich mit der U-Bahn fuhren, sein Museum die U-Bahnhöfe. Harings Bilder passten in diese Kultur, die Menschen erfuhren sie auf graphische Weise, immer im Kontext des Alltags-Museums, in dem die Bilder stattfanden. Die Menschen wurden ihrer Wahrnehmung gewahr, die Werbetafeln waren nunmehr keine leeren Hüllen, da sich das Konzept der Kunst Harings in dessen Hintergrund fand. Und ohne es zu planen oder beeinflussen zu können, seien Harings Arbeiten durch den Schauplatz U-Bahnhof immer bekannter geworden, sagte der Galerist Tony Shafrazi bei einem Interview. Plötzlich konnte jeder Reisende Harings Kunst erfahren, sein Atelier breitete sich in der Stadt aus.

Harings Kunst war öffentlich zugänglich. Das Malen war ein öffentlicher Akt, Haring suchte das Publikum, suchte die Kollaboration. Das stand im Gegensatz zu der elitären Kunstszene, die wenig divers beinahe ausschließlich aus weißen Männern bestand und, dekorativ und kommerziell, leicht zu vermarkten war. Doch Haring mochte diese Diversität und ihre unterschiedlichen Energien, war als offen schwuler Mann Teil von ihr, und wurde großer Fan und Unterstützer der Graffiti- und HipHop-Szene. Schon bald entwarf er Albumcover und freundete sich mit Graffiti-Künstlern und Musikern wie Fred Brathwaite der Fabulous 5ive, Crash, Daze, Lady Pink, Run MC und Public Enemy an.

Es war Kunst von der Straße, unkommerziell, für alle verfügbar, spontan und in Bewegung. Als Bewegung lässt sich Harings Kunst in vielerlei Hinsicht verstehen. Seine Bilder waren in sich lebendig, zwar statisch in ihren zweidimensionalen Rahmen, doch stand die Linie nie still. So hält es sich auch mit ihrer Botschaft, die sich nach seinem Tod weiterträgt, relevant bleibt und entwickelt. Keith Haring selbst schien stets im Prozess, in einer Entwicklung zu stecken, war dynamisch, schuf alles, was er tat, spontan und unmittelbar. Ohne Notizen oder Entwürfe entstand seine Kunst immer als Momentaufnahme, in der es keine Fehler gab, die Linienzeichnung furchtlos und direkt.

So kam es, dass ihm erlaubt wurde im Schwulenclub Paradise Garden, in dem, erneut, Queer auf Hetero, Reich auf Arm und Schwarz auf Weiß stieß, seine Kunst auszustellen. Ausstellen ganz nach seiner Art: Er bemalte Wände, bedeckte große Flächen mit seinen Strichmännchen, entwarf Projektionen und schuf eine Kopfbedeckung für Grace Jones, die, mit von ihm bemalten Körper, ihren ersten Auftritt im Paradise Garden hatte. Haring liebte den Tanz und die diverse Gemeinschaft, das war seine Freiheit und er band diese Clubkultur in seine Kunst ein.

Er schuf Verbindungen, wo er konnte, nutzte alle Medien, die ihm eine Bühne boten, jeden Raum, der sich ihm eröffnete, installierte und animierte. Seine Kunst wurde zu einer neuen Sprache, die in der ganzen Stadt installiert wurde. Damit eröffnete er eine gänzlich neue Art Kunst in der Öffentlichkeit einzusetzen. Ähnlich wie sein Mentor Andy Warhol, verstand er es, Fine Arts und daneben Commercial nicht nur in ihrem jeweiligen Rahmen stattfinden zu lassen, sondern diese zu verbinden und die Kunst-Welt zu zwingen auch andere künstlerische Aspekte wahr- und ernstzunehmen. Sein Ziel war es, die Definition von Kunst zu verändern, dessen Grenzen zu bewegen und zu erweitern. Er verstand sich als Künstler und Performer, als Teil der Kunst, nicht bloss als Werkzeug des Ausdrucks. „Man selbst sein“ sei Kunst, dieser Ausdruck eine Performance. Die genutzten Medien waren mehr als Erweiterung seines Selbst, seiner Performance, die Bühne als Möglichkeit eines authentischen Ausdrucks zu verstehen.

Seine Arbeiten wurden jetzt als eine Art Merchandise im Pop-Shop verkauft. Nun konnte jeder seine Figuren auf einem T-Shirt tragen. Diese Verfügbarkeit seiner Kunst war damals eine radikale Idee und wurde scharf kritisiert. Er gilt dahingehend als Pionier. Der kommerzielle Erfolg hat womöglich ermöglicht, dass Haring 1997 auf der Documenta X von Catherine David oder auch der Documenta (13), 2012 ausstellen konnte. Harings Kunst kann in ihrer Gesamtheit als antikapitalistisches Werk verstanden werden, als wirtschafts-, system- und konsumkritisch; als politisches Statement. Seine Symbolik war geprägt von Angst, Unzufriedenheit und Kritik, von Lebensfreude und Freiheit als Gegenpol.

Eine seiner Strichfiguren, das „Strahlenbaby“ symbolisiert für viele Betrachter seine Furcht vor Atombomben und einem möglichen Atomkrieg zwischen den USA und Russland. In vielen Bildern verarbeitet er den systematischen Rassismus, den er mit der Ermordung Michael Stewarts, eines jungen afroamerikanischen Mannes, der ebenfalls zu der Graffiti-Szene gehörte, durch weiße Polizeibeamte aus der Nähe miterlebte. Keith Haring hatte ein starkes politisches Bewusstsein und fühlte eine Verantwortung mit seiner Reichweite durch die Kunst Kritik zu üben, Diskurs und Veränderung anzuregen. Das tat er beispielsweise in seinem Werk „Free South Africa“.

Ein Thema, das die 80er Jahre und die LGBTQIA+ Szene gleichermaßen beschäftigte, war die AIDS-Krise. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan lehnte es jahrelang ab die Forschung an AIDS zu finanzieren, was allein in den USA tausende Leben kosten sollte. Haring betrachtete Reagan als „Show-Präsidenten“, mit seiner rechten Neigung und gefährlichen Verharmlosung der Virusepidemie. Hier wird man eine erschreckende Aktualität feststellen müssen, wenn man den kürzlich abgelösten US-Präsidenten Donald Trump betrachtet.

Haring sollte sich 1988 selbst mit dem HI-Virus infizieren und zwei Jahre danach an den Folgen von AIDS versterben, doch nahm er schon Jahre zuvor an den Protesten rund um die Organisation ACT UP teil. Er nutzte seine Kunst für die Aufklärung und bewarb Safe Sex Praktiken. „Ignorance = Fear, Silence = Death“ sind die Worte, die seine Bilder begleiten.

1989 wurde in New York das Gay & Lesbian Center wiedereröffnet und fünfzig Kunstschaffende gestalteten dessen Innenräume. Haring war einer der fünfzig und malte innerhalb eines Tages in seiner üblichen Manier ohne Entwurf an die Wand eines WC's. Es ist ein Bild über das Leben von Schwulen zwanzig Jahre nach Stonewall, ein Zelebrieren männlicher Sexualität.

Es repräsentiert eine Zeit, die noch stärker von Homophobie geprägt war. Die AIDS-Krise, die von Politikern sowie Bürgern oft „Schwulen-Pest“ genannt wurde, als Momentaufnahme. Die Ablehnung der Verteufelung von Sex, schwulem Sex im besonderen, Sex-Positivität. Das Bild tritt in diesem Kontext in einen Dialog mit dem Betrachter aus erst kommenden Generationen, lässt diese einen Blick erhaschen auf die vergangene Zeit, bleibt kraftvoll und wirkmächtig. Nicht wegen der Darstellung von Sex oder Genitalien, vielmehr da es eine Zeit evoziert, in der viel Sex zu haben ein politisches Statement war.

Keith Harings Kunst war bildend, erzieherisch, er lehrte Inhalte, die ihm wichtig waren durch seine Strichfiguren. Das Malen als gestische Sprache, als Weg, Wissen zu lesen und zu illustrieren. Dies eröffnete den Menschen eine neue Art zu denken, ließ sie eine Sprache finden, mit der man direkt und einfach zu anderen sprechen kann. Er schuf eine Verbindung zwischen seiner Kunst und den Menschen, die sie sahen und auf sie reagierten, zwang die Kultur, in der er stattfand, ihr Wirken zu realisieren und so auch ihre Identität, politisch wie sexuell. Seine Kunst wirkt fürsorglich, unterstützend, um eine Welt zu visualisieren, so, wie sie sein könnte. Sie ist eine Rebellion der Akkulturation, eine Waffe für Bewusstsein und Veränderung. Keith Haring nahm sich einer der höchsten Disziplinen eines Künstlers an; benutzte seine Beobachtungen und Erfahrungen der gesellschaftlichen Probleme und machte sie zu Aktivismus, zu einer Stimme für das größere Wohl. So bleiben seine Werke bis heute aktuell, sprechen für LGBTQIA+ Personen und PoC, gegen Unterdrückung und Korruption.

 

Text: Estha Gremmer; Foto: Hatje Cantz Verlag GmbH
Quellen: welt.de/kultur/article213768238/Keith-Haring-Der-Mann-der-sich-dem-Virus-stellte.html
de.wikipedia.org/wiki/Keith_Haring
www.youtube.com/watch?v=Mrhk7UYq59o">www.youtube.com/watch?v=Mrhk7UYq59o